Die Schattenseiten

Punta del Este ist in Reichweite. Nur noch ein paar hundert Seemeilen und die erste der acht Etappen ist geschafft. Es waren sehr wechselhafte Bedingungen. Starke Winde hoch am Wind in der Biskaya, die sehr unangenehm waren. Windstille um die Kanaren. Und Raumwind segeln unter Spinnaker in den südlichen Passatwinden. Dazu kommen unzählige Defekte, ein paar von diesen konnten wir zumindest notdürftig reparieren. Andere werden uns im nächsten Zwischenstopp beschäftigen. Und wieder andere sind Aufgaben für Profis vom Unterhaltsteam.

Ich habe in den letzten Tagen viel Zeit zum Reflektieren gehabt. Zum einen angestossen durch Fragen nach den besten und schwierigsten Momenten oder den grössten Überraschungen. Zum anderen die Gedanken die kommen, wenn man nicht viel Anderes zu tun hat und versucht wach zu bleiben. Bei all den positiven Erinnerungen und Eindrücken, gibt es dabei aber auch weniger prickelnde Momente. Und dabei geht es nicht in erster Linie um die Bedingungen. Die sind manchmal schwierig. Aber erst das macht es so erfüllend. Dass es eben nicht nur einfaches Segeln ist. Aber das soll eben nicht das Thema sein.

Es gibt die regelmässigen Faktoren. Wie es unser Maat sagte: “Hochsee-Segeln wäre schön, ohne das ganze Salz und die Notwendigkeit, auf Toilette gehen zu müssen.” Man hat Salz förmlich überall. Zum einen vom Seewasser, das immer wieder über Deck kommt. Zum anderen der ganze Schweiss der fliesst wenn man in der Hitze versucht zu arbeiten. Und selbst wenn es draussen kalt ist heizen die 10 Personen unter Deck die Kabine mächtig auf. Wenn es draussen warm ist, wird das nur noch schlimmer. Und auch jeder Gang zur Toilette will gut geplant sein. Selbst in vermeintlich ruhigen Bedingungen kann es durchaus mal 10 Minuten dauern, auch wenn es nur ein kleines Geschäft ist. Das sind durchaus zwei Punkte, denen ich mich anschliessen kann.

Aber ganz allgemein ist Körperhygiene und vor allem die regelmässige Hygiene in stetig wechselnden Bedingungen eine Herausforderung. Dazu kommt, dass der Wechsel der Kleidung zu einem grossen Teil durch das Wetter beeinflusst wird. Zum einen muss die Kleidung den Temperaturen angemessen sein. Zum anderen wird vielleicht mal etwas nasser, als es vorgesehen war. Dann wird die nächste Garnitur hervorgekramt und man versucht die nassen Sachen irgendwie zu trocknen. Ein meist ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Entsprechend versucht jeder die Wechsel so weit wie möglich herauszuzögern.

Hinzu kommen die täglich rotierenden Aufgaben. Mal ist man als Tages-Ingenieur für die Kontrolle der verschiedenen technischen Komponenten verantwortlich, dann für die Navigation und das Log, an einem anderen Tag für das leibliche Wohl und dann für die Reinigung. Alles in einem steten Wechsel, damit alle mal in den sauren Apfel beissen müssen. Was auch immer das für jeden einzelnen ist. Für mich kommt jede dieser Aufgaben mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen. Die Kontrolle und das Auspumpen der Bilgen ist gerade bei etwas raueren Bedingungen keine Freude. Für das Führen des Logs  muss man stündlich unter Deck. Wenn es nass ist heisst das jedes Mal die Nassen Klamotten auszuziehen, damit das Logbuch nicht durchnässt wird. Wer Küchendienst hat ist praktisch einen ganzen Tag wach und für drei Mahlzeiten sowie den Abwasch verantwortlich, bekommt im Gegenzug aber auch eine ganze Nacht Schlaf. Und Saubermachen muss auch sein, aber es gibt schöneres als morgens um kurz nach zwei die Toiletten zu putzen.

Dazu kommen dann die ganzen unvorhergesehenen Ereignisse. Defekte sind immer erstmal ein Rückschlag. Denn man entdeckt sie ja in der Regel erst dann, wenn man sie eigentlich bräuchte. Umso besser fühlt es sich dann aber auch an, wenn man etwas reparieren kann und dann weiter machen kann, wie es vorgesehen war. Das braucht aber auch Zeit. So war es vor zwei Tagen kurz nach Ende meiner Wache. Um kurz nach drei Uhr morgens war ich in meine Koje gekrochen, als der Unheil-verheissende Ruf ertönte: “All hands on deck” – “Alle an Deck”. Ein ziemlich sicheres Zeichen, dass etwas schief gelaufen war. So war ich nur wenige Minute nach dem Ende meiner Wache wieder an Deck. Ohne ausreichend Zeit um sich richtig anzuziehen, war es nur die Latzhose vom Ölzeug und die Rettungsweste. Unser Starkwind-Spinnaker war im Wasser. Wie ich später erfuhr war das Fall gebrochen. Es waren ein paar bange Momente bevor wir den Spinnaker wieder an Bord hatten. Gut zwei Stunden waren wir damit beschäftigt, sodass von den vier Stunden Freiwache dann am Ende nur noch etwas mehr als eine Stunde übrig war, bevor unsere Wache für die sechs stündige Tagwache wieder an Deck stand. Es war anstrengend und teilweise ein wenig dramatisch, aber am Ende zählt nur, dass alle unverletzt sind und wir den Spinnaker bergen konnten. Wenn auch mit ein paar Schäden, die in Punta del Este behoben werden müssen.

So kommt jeder Tag mit seinen eigenen Hoch- und Tiefpunkten. Somit besteht eigentlich kein Unterschied zum Leben an Land. Doch dann kommen wieder die klaren Nächte wo man den Sternenhimmel praktisch ohne störende Lichter beobachten kann, weil die einzigen Lichter in Sichtweite die Positionslichter in der Mastspitze sind. Oder die Sonnen-Auf und -Untergänge, die von nichts versperrt werden und den gesamten Himmel in orange oder rosa taufen. Und dann wird mir klar wie besonders diese Reise ist. Und dass bei allen Schattenseiten, die das Leben an Bord so mit sich bringt, es trotzdem jede Sekunde wert ist.

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