Täglich grüsst das Murmeltier

Das Rennen von Qingdao, China nach Tongyeong, Südkorea ist das kürzeste der gesamten Weltumrundung. Zwischen vier und fünf Tagen sollte die Überfahrt dauern, auf der wir rund 500 Seemeilen zurück legen sollten. Für uns würde dies ohnehin ein ganz besonderes Rennen sein, repräsentieren wir doch die koreanische Hafenstadt auf unserem Rennen um die Welt. Dabei sind wir auch noch das erste grosse Segelrennen, das in Südkorea einen Zwischenstopp macht.

Entsprechend hoch war der Druck, ein gutes Ergebnis abzuliefern, hatten wir doch im letzten Rennen bewiesen, dass wir ganz vorne mitsegeln können. Darüber hinaus entschieden wir uns auf diesem Rennen unseren Joker zu nutzen, der die Punktzahl der Platzierung verdoppel würde. Somit war klar, dass wir alles daran setzen würden in diesem Rennen gut abzuschneiden.

Auf Grund der vielen Fischernetze in Küstennähe sowie dem hohen Verkehrsaufkommen von Frachtschiffen vor Qingdao, wurde der Start rund 70 Seemeilen vor die Küste gelegt. So hatten wir nach dem Ablegen zuerst eine Überführungsfahrt zum geplanten Startgebiet. Davor stand natürlich noch die obligate Segelparade an, die uns an den olympischen Ringen von 2008 vorbei durch den Hafen von Qingdao führte. Vermutlich die bisher schönste Segelparade überhaupt.

Start zum Ersten

Nach der ersten Nacht auf See war der Start für 8 Uhr morgens geplant. Es versammelten sich alle zehn Boote und wir führten einen Le Mans Start durch. Dabei waren wir noch immer in einer Schwachwindzone, da ein Hochdruckgebiet über dem gelben Meer lag. Entsprechend war der Fortschritt in Richtung Ziel überschaubar, auch wenn wir durch regelmässige Überprüfungen des Segeltrimms versuchten, die Geschwindigkeit so hoch wie möglich zu halten.

Am späten Nachmittag kam dann die Meldung der Rennleitung, dass das Rennen auf Grund des schwachen Windes abgebrochen wird, um eine pünktliche Ankunft zu gewährleisten. Der Neustart des Rennens würde am darauf folgenden Tag wiederum um 8 Uhr morgens erfolgen. Bis dahin sollten wir unter Maschine unsere Fahrt in Richtung Tongyeong fortsetzen.

Start zum Zweiten

Der zweite Start am nächsten Morgen stand unter keinem guten Omen. Der Wind war noch immer sehr schwach und nach Vorhersage würde es noch einige Stunden dauern, bis sich daran etwas ändern würde. Nichtsdestotrotz starteten die zehn Boote, wobei wir dieses Mal etwas weniger gut unterwegs waren, als noch beim letzten Start.

Da der Wind wie vorhergesagt schwach blieb, kamen alle Boote nur langsam voran. Daher erhielten wir bereits nach wenigen Stunden die Mitteilung der Rennleitung, dass auch dieses Rennen abgebrochen wird. Ein erneuter Start war noch für den selben Tag um 18 Uhr angesetzt. Bis dahin sollte der Wind etwas zunehmen und wir weiter in Richtung Tongyeong vorankommen.

Eines der anderen Boote geriet zu dieser Zeit in ein Fischernetz. Daher konnten sie ihre Maschine nicht benutzen und mussten durch eines der anderen Boote in Schlepp genommen werden. Dadurch kam die gesamte Flotte nur langsam voran. Dennoch versammelten sich alle zehn Boote am späten Nachmittag nord-westlich von Jeju Island, um das Rennen erneut zu starten.

Start zum Dritten

Für den dritten Start hatten wir nun endlich etwas mehr Wind. Und mit der Übung aus den vorangegangenen Starts, gelang uns dieses Mal der Start etwas besser. Dieses Mal war es nun nicht die Morgen- sondern die Abend-Dämmerung. In den folgenden Stunden segelten wir in der vorderen Hälfte des Feldes in Richtung Jeju Island. Hier galt es nun zu entscheiden, wie weit südlich die Insel umfahren werden sollte.

Auf Grund der Nord-Östlichen Winde war für den Bereich südlich von Jeju Island ein Windschatten vorhergesagt. Je nach Wettermodell war der Schatten mehr oder weniger stark ausgeprägt und erstreckte sich über ein paar wenige oder mehr als 50 Seemeilen. Zum Glück hatten wir für dieses Rennen Unterstützung von Han Kim an Board. Er hat vor zehn Jahren mit dem Clipper Race die Welt umrundet und sich seither dafür eingesetzt, dass das Rennen nach Korea kommt. Als versierter Segler mit viel Erfahrung in diesem Gebiet empfahl er uns die Insel mit 20-25 Seemeilen Abstand zu passieren.

Leider gerieten wir auch im Abstand von 25 Seemeilen in die Abschattung und blieben praktisch stecken. Die beiden Boote vor uns hatten sich für einen grösseren Abstand entschieden, der es ihnen erlauben würde Bonuspunkte am Scoring Gate einzusammeln. Wir kamen nur sehr langsam voran, während die Boote hinter uns immer dichter aufholten und uns teilweise sogar überholten. Dabei liessen wir nichts unversucht und wechselten Segel unzählige Male, im Versuch irgendwie Kapital aus den leichten und unbeständigen Winden zu schlagen.

Es dauerte einen Moment bevor wir das östliche Ende der Abschattung erreichten und der Wind wieder zunahm. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich zwei Boote an uns vorbei geschoben. Derweil waren die beiden Boote, die sich für den Umweg über das Scoring Gate entschieden hatten, ebenfalls im Windschatten hängen geblieben und ans Ende der Flotte zurück gefallen.

Rennende

Da die Flotte langsamer voran kam als erwartet und die Winde abermals einschlafen sollten, entschied die Rennleitung das Rennen vorzeitig zu beenden. Wir würden noch rund zehn Stunden weiter segeln und dann unsere Position übermitteln. Die Platzierung würde dann aus dem Abstand zur Ziellinie ermittelt werden. Ab dem Zeitpunkt würde es uns dann möglich sein, direkten Kurs auf Tongyeong zu nehmen und bei Bedarf auch die Maschine zu nutzen.

Doch bis dahin galt es so schnell wie möglich in Richtung Ziel zu fahren, um keine Plätze zu verlieren. Das führende Boot Power of Seattle Sports lag zu diesem Zeitpunkt knapp eine Seemeile dichter am Ziel als wir, während wir uns mit Unicef ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den zweiten Platz lieferten. Jeder Fehler könnte entscheidend sein. Wir trimmten die Segel etwa alle 15 Minuten oder wann immer sich die Richtung oder Stärke des Windes veränderte. Ausserdem durften nur die besten Steuerleute das Ruder übernehmen, um nicht vom Kurs abzukommen und die maximale Geschwindigkeit zu halten.

Es waren dramatische Stunden, konnten wir die Boote um uns herum nicht nur auf dem Kartenplotter sondern ihre Lichter auch direkt sehen. Unicef war über die meiste Zeit so nah, dass wir jedes Mal beobachten konnten, wenn jemand von ihnen mit der Taschenlampe zum Bug ging, um den Trimm der Vorsegel zu überprüfen. Manchmal wurden sie dann etwas schneller und schienen sich an uns vorbei zu schieben. Daraufhin würden wir unsere Segel neu trimmen, was uns wieder etwas schneller machte.

Zu all dem kam dann auch noch ein Fischerboot in die Quere. Zwar hatten wir es schon einen Moment gesehen, doch schienen sie ständig den Kurs zu ändern, was uns ein frühzeitiges Ausweichen unmöglich machte. Zumal wir ja auch den anderen Booten nicht das Feld überlassen wollten. So kamen wir uns ziemlich nahe. Das ist bei Dunkelheit nochmal ein wenig beeindruckender als bei Tageslicht.

In der Aufregung um das Fischerboot war mir entgangen, dass wir in der Zwischenzeit zu Power of Seattle Sports aufgeschlossen hatten und uns jetzt zu Dritt ein Rennen um den ersten Platz lieferten. Dabei waren zu diesem Zeitpunkt noch etwas vier Stunden bis zum Ende des Rennens. Der Ausgang war völlig offen. Die Anspannung war ohnehin schon auf einem Höhepunkt. Während einige nach dem Ende unserer Wache zu Bett gingen, entschied ich mich zusammen mit anderen wach zu bleiben.

Der Wind nahm weiter ab. So fiel der Entscheid das letzte verbleibende Reff im Grosssegel rauszunehmen, um möglichst schnell voranzukommen. Es zahlte sich aus, dass wir uns nicht hingelegt hatten. So konnten wir die andere Wache unterstützen. Vermutlich haben wir noch nie so schnell ausgerefft wie in dieser Nacht. Wussten doch alle, wie wichtig es war. Seattle war in der Zwischenzeit etwas zurück gefallen und mit vollem Grosssegel schienen wir nun auch etwas schneller als Unicef zu sein.

Etwa eine halbe Stunde vor dem Ende des Rennens weckten wir die meisten Crew-Mitglieder, wollten wir doch gemeinsam feiern. Es sah so aus, als könnten wir den ersten Platz erreichen, aber entschieden war das Rennen noch lange nicht. In den letzten paar Minuten des Rennens entschied sich Unicef dann höher an den Wind zu gehen, um sich allenfalls in Luv von uns zu positionieren und so den Abstand zur Ziellinie zu reduzieren. Doch auch diesen letzten Versuch konnten wir parieren und so war die Freude ungehemmt als das Rennen vorüber war. Am Ende lagen wir rund 300m dichter am Ziel als Unicef und hatten unseren zweiten Sieg in Folge erreicht.

Ankunft in Tongyeong

In den folgenden Stunden setzten wir unsere Fahrt nach Tongyeong fort. Überglücklich dem Druck standgehalten zu haben und das erste Team zu sein, dass ein Clipper Race nach Korea gewinnt. Die Ankunft erfolgte am Vormittag und es waren zahlreiche Boote mit etlichen Photographen und Drohnen unterwegs, um unsere Ankunft festzuhalten. Selbst ein Boot der koreanischen Küstenwache kam aus dem Hafen um uns in Tongyeong willkommen zu heissen.

Der Empfang war äusserst herzlich. Nicht nur von offizieller Seite waren alle überglücklich mit dem Ergebnis, war es doch bisher erst zwei anderen Teams gelungen, dass Rennen in ihren Heimathafen zu gewinnen. Auch die Bevölkerung von Tongyeong war begeistert und dutzende Passanten säumten das Ufer, als wir unser Boot am Ende des Steges festmachten. Das Willkommens-Bier war eine besondere Überraschung: Auf den Dosen war ein Bild unseres Bootes. Ein ganz besondere Würdigung, erhielten doch alle Boote das Bier mit unseren Farben.

In der Zwischenzeit sind die Vorbereitungen für das nächste Rennen so gut wie abgeschlossen. Bereits am Sonntag geht es wieder los. Dieses Mal heisst das Ziel Seattle. Wir sind gespannt, welche Überraschungen der Nord-Pazifik für uns bereit hält. Auch wenn wir aktuell noch auf der Euphorie-Welle reiten müssen wir unsere Gedanken sammeln um diese Herausforderung mit der nötigen Demut anzugehen. Schliesslich ist diese Passage eine der berüchtigsten auf unserer Route.

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